Gestrandetes Orcamännchen "Reveil" in Belgien  

Einleitung
 

Voriges Jahr schrieb ich einen Blog über den gestrandeten Orca "Gala" und die Geschichte gestrandeter Orcas in den Niederlanden. Nun, ein Jahr später, ist wieder ein Orca gestrandet! Dieses Mal ein erwachsenes Männchen in Belgien. Dies ist besonders außergewöhnlich, da Orcas sehr selten sind in diesem Teil der Nordsee. Es ist sogar das erste Mal seit 1850, dass ein Orca an der belgischen Küste strandet. Ich reiste zu diesem Orca und kam am Abend nachdem er gestrandet war an. Ich besuchte ihn auch am Morgen danach. Das Tier wurde am 29. Oktober das erste Mal schwimmend gesehen gegen 9 Uhr morgens. Zu dem Zeitpunkt wurde nur ein ziemlich undeutliches Foto gemacht, auf dem seine enorme Rückenfinne gut zu sehen war. Als mehr und bessere Fotos im Internet erschienen, wurde schnell deutlich, dass das Tier sehr stark geschwächt war. Der Orca war überdeutlich abgemagert, mit einem "Peanut head" (ein auffallender Einschnitt hinter der Melone am Kopf, was ein Zeichen von Abmagerung bei Meeressäugern ist). Auch am Verhalten war deutlich, dass etwas nicht in Ordnung war; das Tier schwamm träge und sehr nah an der Küste. Mit einem Rettungsboot wurde versucht, den Orca von der Küste fern zu halten, aber das gelang nicht. Um 15 Uhr wurde der Orca an den Strand gespült an der Grenze zwischen Koksijde und De Panne. Nicht lange danach begann der Todeskampf und das Tier verstarb. Es gab nichts mehr, was Hilfsarbeiter und Schaulustige tun konnten.

Das Tier war ein erwachsenes Männchen und ungefähr 6 Meter lang. Er bekam den Namen "Reveil" nach dem Event, das am Samstag auf dem Strand von De Panne stattgefunden hatte. Inzwischen ist bekannt, dass der Orca am 27. Oktober auch schon im Norden von Frankreich gesehen wurde, auf der Höhe von der Badestelle Wimereux. Bald danach fand die öffentliche Autopsie statt, wo eine deutliche Todesursache heraus kam. Der Magen und der Darm waren leer, was bedeutet, dass der Orca eine lange Zeit schon nichts mehr gefressen hatte. Das erklärt, warum das Tier in so einem schlechten Zustand war. Kelle Moreau von dem Königlichen Belgischen Institut für Naturwissenschaften (KBIN) hat darüber folgendes gesagt: "Wir konnten keine Brüche feststellen, daher gehen wir davon aus, dass er nirgendwo gegengeprallt ist.” Bei der externen Autopsie wurden auch keine Anomalien am Körper festgestellt". Der Orca hatte aber Probleme mit seinem Lymphsystem, was möglicherweise auf eine Infektion hinweist. “Das kann den geschwächten Zustand erklären, aber dieser Hinweis muss noch weiter untersucht werden.” Inzwischen wurde der Orca abtransportiert um ihn weiter zu untersuchen. Es ist geplant, das Skelett zu behalten und eventuell in einem Museum oder einer der lokalen Schulen auszustellen.

 Oben: Meine Fotos von Orca Reveil, am Abend nach seiner Strandung und am folgenden Morgen. Das Tier war in einem sehr schlechten Zustand und deutlich abgemagert.

                                            Mein Besuch bei Orca Reveil

Als ich von der Strandung hörte, stieg ich mit meinem Freund ins Auto auf der Suche nach dem Orca. Ein Abenteuer von dem wir vor dem Mittag noch nichts wussten. Nach einer Reise von fast 3 Stunden kamen wir am Strand an, wo Reveil am Mittag gestrandet war. Leider war er inzwischen schon verstorben. Ich kannte den genauen Ort nicht, da ich noch nie zuvor dort gewesen war. Durchs Schauen auf Waarnemingen.be und dem Vergleichen von Fotos kamen wir endlich nach einer strammen Wanderung über den Strand an dem Ort an, wo der Orca am Mittag angespült worden war. Inzwischen war hier nur noch eine deutliche Kuhle zu sehen, wo das Tier gelegen hatte. "Och nee! Sie haben ihn schon weggeholt" dachten wir beide. Es verlief eine deutliche Fahrspur von einem ziemlich großen Fahrzeug weg von dem Platz wo der Orca gelegen hatte. Mit viel Hoffnung folgten wir dieser Spur. Einige hundert Meter weiter lag dann da das große Männchen auf einem Wagen, außerhalb des Meerbereichs. Im Dunkeln, aber etwas angeleuchtet von einer Straßenlaterne. Er wurde von zwei Mitarbeitern der Gemeinde bewacht und es standen noch ein paar Schaulustige um die Absperrung herum.

Ich hatte auf Fotos gesehen, dass das Tier mager war, aber in der Realität war das noch deutlicher. Hier brauchte man wirklich keinen Tierarzt, um zu sehen, wie schlecht dieser Orca dran gewesen war. Er war richtig eingefallen an mehreren Stellen und trotz seiner enormen Größe sah er kleiner aus als man erwartete, aufgrund seines schlechten Zustands. Es handelte sich deutlich um ein erwachsenes Männchen, zu erkennen an seiner riesigen Rückenfinne (länger als ich!) Die enormen Brustflossen und die große, eingekringelte Fluke. Am Körper hatte er verschiedene Wunden und rund um seine Schnauze eine Art Ausschlag. Auch tropfte etwas Blut von den Brustflossen auf den Boden. Am Morgen danach gingen wir beim ersten Licht noch einmal nach ihm schauen, um ihn auch bei Tageslicht zu sehen. Nicht lang danach begann die öffentliche Autopsie am Strand. 

Trotz der traurigen Umstände war es wirklich sehr faszinierend ein so großes Orcamännchen von Nahem zu sehen. Nicht zu wissen, wo genau dieses Tier herkam, zu welcher Population er gehörte, etc. Vielleicht kann das noch herausgefunden werden, wie bei dem Orca, der letztes Jahr in den Niederlanden strandete. Oft werden Orcapopulationen nämlich studiert von Wissenschaftlern. Dabei wird eine Foto-Datenbank angelegt. Damit können Individuen erkannt werden. Das funktioniert indem man zum Beispiel die Rückenfinne, den Augenfleck, Sattelfleck oder die Mundwinkel vergleicht. Wenn diese eine genaue Übereinstimmung ergeben, weiss man um welches Tier es sich handelt. Weil dies ein erwachsenes Tier war, ist die Chance groß, dass es erkannt wird. Vielleicht erfahren wir so noch mehr über es. Ich machte auch viele Nahaufnahmen von seinen Zeichungen und Flecken um sie an verschiedene Wissenschaftler und Experten zu schicken, die ich kenne. Sogar seine Todesursache kann uns viel über sein Leben verraten und selbst über das Ökosystem aus dem er kam. Hoffentlich erhalten wir schnell mehr Infos über dieses prächtige, aber glücklose Tier. 

 Oben: Fotos des Orcas. Ich habe versucht, das Tier aus allen möglichen Winkeln zu fotografieren und die individuellen Markierungen und Flecken gut festzuhalten. Auch wenn diese Strandung ein tragisches Ende hatte, können wir viel von diesem Tier lernen, indem wir es untersuchen.